Du bist es wert

„Da kommt die Diakonie!“ –Jeder kennt sie und erkennt sie - am blauen Schriftzug mit dem Kronenkreuz daneben. „Da kommt die Diakonie“ – das heißt auch, da kommt jemand von der Kirche. Im Zeichen von Kreuz und Krone sind Menschen unterwegs, hin zu anderen. Das Kreuz im Symbol der Diakonie erinnert daran, dass das elementar zum Christsein gehört. Jesus hat von der Liebe Gottes gepredigt. Seine Worte haben sich dabei immer mit seinen Taten verbunden. Jesus unterbricht einen Disput mit angesehenen Gelehrten, um einem Gelähmten auf die Beine zu helfen. Im Jubel der Massen hört er die Stimme eines einzelnen Blinden am Straßenrand. Durch Tischgemeinschaft, aufmerksame Zuwendung und liebevolle Berührung erhebt er Ausgestoßene und Verrufene in die angesehene Gesellschaft. In der Nachfolge Jesu handelt Kirche genauso. Das ist Diakonie.

Heute, wenige Wochen vor den Wahlen, ist das ein brandaktuelles Thema. Wer gerät heute an den Rand unserer Gesellschaft? Was geschieht mit den Menschen, die nicht oder nicht mehr als Leistungsträger gelten, weil sie durch körperliche, seelische oder familiäre Gründe eingeschränkt sind? Schon seit langem schlägt die Diakonie auf der Ebene der Landesverbände und bundesweit Alarm und fragt nach: Was sind unserer Gesellschaft die Menschen wert, wenn sie alt und pflegebedürftig geworden sind? Es ist dringend nötig, dass der Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definiert wird und dabei auch die an Demenz erkrankten Menschen in den Blick nimmt. Es ist dringend nötig, dass menschenwürdige Pflege uns etwas wert ist. Mit einer Anhebung der Beiträge der Pflegeversicherung um nur ein Prozent wäre schon viel gewonnen. Es ist dringend nötig, dass deutlich wird, was für ein anspruchsvoller Beruf die Altenpflege ist, die hohe Kompetenz verlangt, fachlich, sozial und spirituell.

Auch in unserer Diakoniestation vor Ort ist die gegenwärtige schwierige Lage spürbar. In zehn Jahren werden allein in Großgründlach weitere 250 Menschen 80 Jahre oder älter sein und damit ein Alter erreicht haben, in dem sie möglicherweise Pflege brauchen. Schon heute gilt: Wenn eine Pflegekraft krankheitsbedingt ausfällt, sind häufig keine Aushilfskräfte zu finden, weil es zu wenige Fachkräfte gibt. Bis zu 100 Überstunden pro Jahr leisten einzelne Mitarbeiterinnen unserer Station deshalb schon jetzt. Weil verordnete und notwendige Pflegeleistungen in der Realität oft mehr Zeit benötigen als von der Kasse veranschlagt und erstattet werden, wird gute Pflege zum Draufzahlgeschäft. Nur durch die finanzielle Unterstützung durch die Trägervereine in Boxdorf und Großgründlach kann unsere Station noch überleben. Und dabei hervorragende Arbeit leisten. Aus Überzeugung und in dem Bewusstsein, dass das unserem christlichen Auftrag entspricht.

Das Zeichen der Diakonie ist das Kronenkreuz. Die Krone erinnert daran, dass das Kreuz nicht das Ende der Geschichte Jesu war. Gott hat Jesus Christus auferweckt. Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und trägt die Krone des Lebens. Diese Krone des Lebens ist auch uns verheißen. Das Symbol der Krone macht bewusst, welchen Wert jeder einzelne Mensch vor Gott genießt, unabhängig von Ansehen, Alter, Geschlecht oder Leistungsfähigkeit. Jeder Mensch ist von Anbeginn an Gottes geliebtes Geschöpf und ist es wert, gerettet und mit der Krone des Lebens beschenkt zu werden. Das bestimmt wesentlich unseren Umgang miteinander. Die Krone als Zeichen der Auferstehung erinnert daran, dass auch unser oft bruchstückhaftes Tun, unser mühsames Schaffen unter oft schwierigen Bedingungen Sinn hat, weil es unter dem Zeichen der Auferstehung Jesu geschieht. Gott öffnet Wege und schenkt Leben, wo alle Türen verriegelt sind. Gott macht das Unmögliche möglich. In diesem Vertrauen und dieser Hoffnung geschieht Diakonie in der Gemeinde. Mit dieser Hoffnung gehen viele hauptamtlich oder ehrenamtlich hin zu den Menschen und setzten sich für sie ein. Aus dieser Hoffnung und diesem Vertrauen wächst auch die Kraft und der Mut, sich stark zu machen für ein Umdenken und eine Neuausrichtung in unserer Gesellschaft. Pfarrerin Silvia Henzler, 1. Vorsitzende des Diakonievereins Großgründlach e.V.

 

Gemeindegruß Nr. 243