Ein Morgen in Selbitz ...

Während meiner Ausbildung zur geistlichen Begleitung war ich wochenweise immer wieder in der Christusbruderschaft in Selbitz. Schweigeexerzitien, Meditative Spaziergänge, Gestengebete, Eutonie, Kreuzgebet, Emmausgang, inneres Hören, Unterscheidung der Geister... Unzählig viele Perlen durfte ich während dieser Ausbildungszeit für mein geistliches Leben entdecken:

Eine Kostbarkeit war der stille Start in den neuen Tag; vor dem Frühstück, vor der Arbeitsphase war unglaublich viel Zeit fürs Gebet. Als erstes trafen wir (30 Auszubildende, davon 10 aus der bayerischen Landeskirche, 10 aus der Kirche Mitteldeutschlands und 10 aus den übrigen Landeskirchen Deutschlands und aus Europa) uns alle draußen im Garten - im Wandel der Jahreszeiten - um unseren Körper für die Meditation zu bereiten. Dies erlebte ich als stille Begegnung mit der Natur, die von Gott singt, und in der ich auch mitklingen darf.

Gut durchatmet ging es schweigend nach oben in die Kapelle zur Meditation. Der schlichte Raum mit einer Kerze vor einer Ikone hat mir sehr zur Sammlung geholfen. Man spürt es ihm ab: Es ist ein „durchbeteter Raum“. Und seine Ruhe übertrug sich auf mich. In mir selbst wurde es geordneter, friedlicher, harmonischer. Wir wurden wunderbar angeleitet, unseren Platz einzunehmen, und unseren Körper ganz bewusst wahrzunehmen. Dieses Wahrnehmen und einfach Dasein, nichts mehr machen, nichts mehr denken, nichts mehr wollen, ist keine lästige Vorübung, sondern ein sich Loslassen auf Gott hin, der schon längst da ist und voller Lust auf mich wartet.

Das Gebet „praktizierten“ wir dann wochenweise in ganz verschiedenen Formen - kontemplativ, mal als Herzensgebet, mal ein Wort aus der Schrift meditierend. In mir ist in dieser Zeit immer mehr die Gewissheit gewachsen, dass das Nach-Innen-Lauschen eine Voraussetzung für das Hören ist. Dass ich die äußerliche und innerliche Stille brauche, um Gott zu vernehmen. Einfach nur schweigend vor Gott zu verweilen. Ganz da zu sein vor ihm, im Hier und Jetzt. Das klappte nicht immer gleich gut. Manchmal sind da Gedanken, die mich wegholen wollten, mal lenkte mich auch das Gehuste der Nachbarin ab.

So war es und so durfte es sein. Und doch ereignete sich die Begegnung mit Jesus Christus. Unverfügbar, wenn sein Wort mir so tief ins Herz fiel, dass ich meinte, er hat es einzig für mich in meiner Situation gesprochen oder wenn plötzlich eine Gewissheit da war, wie ich zu handeln, zu entscheiden hatte, oder wenn er mir einen ganz bestimmten Menschen so ans Herz legte, dass ich zu weitreichenden Konsequenzen bereit wurde. Unverfügbar und so schön, wenn Jesu liebende Gegenwart mich einhüllte, wenn da tiefe Stille und tiefer Friede mich heraus hob aus jeglicher Zeitvorstellung.

Der Ton der Klangschale holte wieder zurück. Ein Eintrag ins geistliche Tagebuch und danach trafen wir uns mit den Schwestern und Pfarrern der Communität zum liturgischen Morgengebet in der Tradition des Stundengebets. Der Lobpreis Gottes waren die ersten laut ausgesprochenen Worte an jedem neuen Tag. Auch dies hatte eine ganz besondere Qualität. Und das gemeinsame lange Schweigen vor Gott hat noch eine andere Intensität, als wenn ich zu Hause allein meine Gebetszeit habe.

Wie reich, wie vielfältig und wie unterschiedlich sich Jesus Christus mitteilte während der morgendlichen Stille, das erlebte ich im Austausch mit den anderen Auszubildenden. Und doch teilten wir alle gemeinsam die Erfahrung, dass durch die Stille die Bewegungen des Lebens zur Ruhe kommen, dass wir uns selber besser erkennen und klarer sehen, was dran ist. „Nimm o nimm mich wie ich bin, ruf dein Bild hervor in mir, setz dein Siegel auf mein Herz und leb in mir.“ Dieses Lied, bei meinem Segnungs-und Sendungsgottesdienst am 25. September gesungen, drückt aus, wozu ich die Stille suche.  

Pfarrerin Sibylle Stargalla

Gemeindegruß Nr. 256