Die neue Lutherbibel

Warum braucht es eine neue Revision der Lutherbibel? – so wurde ich immer wieder gefragt. Dieses Buch, aus dem wir nicht nur in den Gottesdiensten lesen, sondern mit dem wir auch im Alltag leben wollen, muss tatsächlich immer wieder sowohl liebevoll als auch kritisch überprüft werden. Schon Luther hat seine  Übersetzung immer wieder überarbeitet und angepasst. Spricht man so noch in unserer Zeit? Brauchen wir andere Worte, um zu verstehen? Oder hat man früher manche Formulierungen so angepasst und „modernisiert“, dass sie nach heutiger Erkenntnis falsch sind?  
 
Ein Beispiel ist die Geschichte der Sturmstillung. 
Matthäus 8,24 hatte Luther ursprünglich mit „Ungestüm im Meer“ übersetzt, spätere Revisionen machten daraus verständlicher einen „Sturm auf dem See“. Im griechischen Text steht an dieser Stelle das Wort seismos. Das ist mehr als ein bisschen Wind auf einem Weiher. Einen Seismographen kennen wir. Und auch die Bilder von den katastrophalen Folgen eines Seebebens. In der aktuellen Ausgabe ist - dem griechischen Urtext nahe - von einem „Beben im Meer“ die Rede, das die Jünger am eigenen Leib zu spüren bekommen.
 
Ihre Verzweiflung hat die Bibelausgabe von 1984 in moderne Sprache gefasst: „Wir kommen um!“ 2017 hat man hier in Matthäus 8,25 wieder auf die Wortwahl Luthers zurückgegriffen: „Herr, hilf, wir verderben!“. Kaum jemand würde heute so reden, aber es ist verständlich. Das Wort „verderben“ lässt sogar noch viel mehr Verstehensspielraum als nur die Möglichkeit, Leib und Leben zu verlieren. 
 
12.000 der 34.000 Verse haben sich in der neuen Ausgabe von 2017 im Vergleich zur letzten Ausgabe von 1984 verändert. Das ist eine ganze Menge, auch wenn es teilweise nur ein Wort oder sogar nur die Kommasetzung betrifft. Die Kriterien bei der neuen Überarbeitung waren die Genauigkeit in Bezug auf die Quellen des Urtextes, die Verständlichkeit der Sprache für unsere Zeit und die Wiederentdeckung der großen Sprachkraft, mit der Luther damals übersetzt hat.
 
Da der Text verständlich bleiben soll, wurde auf Begriffe verzichtet, die im heutigen Sprachgebrauch nicht nur nicht mehr geläufig, sondern auch nicht mehr verständlich sind. Aber es ging nicht darum, die Bibel in eine möglichst moderne Sprache zu fassen. Es gibt heute genug Übersetzungen, die das leisten, wie die „Gute Nachricht“, „Hoffnung für alle“ oder von mir persönlich favorisiert die "Basisbibel".  
 
Gerade die kernige und manchmal auch sperrige Ausdrucksweise Luthers aber ist die Stärke der „neuen“ Lutherbibel. Seit die neue Lutherbibel am 1. Advent 2016 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, benutzen wir sie in unseren Gottesdiensten. Ich persönlich lese sie mit Freude. 
 
Pfarrer Gerhard Henzler
 
 
Luther 1545:
 
23 Und er trat in das Schiff / und seine Jünger folgeten jm / 
24 Und sihe / da erhub sich ein gros ungestüm im Meer / also / das auch das Schifflin mit Wellen bedeckt ward / Und er schlieff. 
25 Und die Jünger tratten zu jm / und weckten jn auff / und sprachen / HErr / hilff uns / wir verderben. 
26 Da sagt er zu jnen / Jr Kleingleubigen / Warumb seid jr so furchtsam? Und stund auff und bedrawete den Wind und das Meer / Da ward es gantz stille. 
27 Die Menschen aber verwunderten sich / und sprachen / Was ist das fur ein Man / das jm Wind und Meer gehorsam ist?
 
 
Luther 1984:
 
23 Und er stieg in das Boot und seine Jünger folgten ihm. 
24 Und siehe, da erhob sich ein gewaltiger Sturm auf dem See, sodass auch das Boot von Wellen zugedeckt wurde. Er aber schlief. 
25 Und sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir kommen um! 
26 Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da wurde es ganz stille. 
27 Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind? 
 
 
Luther 2017:
 
23 Und er stieg in das Boot und seine Jünger folgten ihm. 
24 Und siehe, da war ein großes Beben im Meer, sodass das Boot von den Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief. 
25 Und sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir verderben! 
26 Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?, und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer; und es ward eine große Stille. 
27 Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind? 
 
Gemeindegruß Nr. 257